Wie bekomme ich meine Wellensittiche zahm?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Und sie ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn jeder Welli ist anders. Und auch jeder Halter ist anders, nicht jedem liegt die gleiche Vorgehensweise. Ich kann daher nur mal schreiben, wie ich so vorgehe. Vielleicht ist es für den einen oder die andere hilfreich.

Mein oberster Grundsatz ist: Keine Zwangszähmung! Ich halte überhaupt nichts davon,

  • Vögel durch Handaufzucht auf den Menschen fehlzuprägen
  • Vögel durch Einzelhaltung oder zeitweise Einzelhaltung auf den Menschen zu prägen
  • Vögel durch Futterentzug gefügig zu machen
  • Vögel an ihrem Rückzugsort (meist Käfig) zu bedrängen.

Zähmen hat für mich etwas mit Freiwilligkeit zu tun. Mit Vertrauen. Dies kann man nicht erzwingen und dies kommt nicht von heute auf morgen.

IMG_4202Foto: Vertrauen ist wichtig

Wie zähme ich also meine Wellensittiche?

Wichtig ist in erster Linie, dass die Tiere sich bei mir wohlfühlen. Dies setzt eine artgerechte Haltung voraus, aber auch eine gewisse Verlässlichkeit meinerseits. Sittiche sind Gewohnheitstiere. Ihnen ist ein regelmäßiger und wiederkehrender Ablauf wichtig, aber auch ein einschätzbares Verhalten ihrer Bezugspersonen.  Es ist somit von Bedeutung, dass wir die Sittiche nicht erschrecken, sondern täglich mit den gleichen ruhigen Bewegungen die gleichen Verrichtungen ausführen. Die Vögel müssen also lernen: Von uns geht keine Gefahr aus.

Der nächste Lernschritt ist dann: Von uns kommt Gutes. Dazu müssen wir zunächst herausfinden, was unsere Wellensittiche als “Gutes” empfinden. Erfahrungsgemäß besonders beliebt ist rote Kolbenhirse, Basilikum, gekeimter Weizen, Knaulgrassamen oder Möhrengrün. Manche Wellis fahren aber auf all dies gar nicht ab, sondern sterben statt dessen für Gurke, Löwenzahn oder Apfel. Dies lässt sich aber leicht herausfinden, indem wir all diese potentiellen Leckerchen anbieten und die Reaktion der Tiere beobachten. Es kann natürlich vorkommen, dass ein Futterbestandteil, wenn er bisher unbekannt war, zunächst ignoriert wird. Da ist dann einfach ein bisschen Geduld und ein mehrmaliges Anbieten gefragt. Einfach mal sehen, ob sie auf den Geschack kommen!

IMG_3781Foto: Hier ist einer auf den Geschmack gekommen!

Grundsätzlich ist es schon mal gut, wenn die Wellis festgestellt haben: Aha, das ist die Person, die immer diese leckeren Sachen in den Käfig tut! Trotzdem ist der nächste Schritt, dass es die allerleckersten Dinge im Käfig dann auf einmal nicht mehr gibt. Die gibt es dann nämlich plötzlich nur noch bei Frauchen oder Herrchen direkt!

Wie gehen wir also vor?

Viele Sittichhalter meinen, ihren Vögeln erst Freiflug im Zimmer gewähren zu können, wenn diese zahm sind. Von dieser Vorgehensweise bin ich ganz abgekommen. Erstens ist es für die Gesundheit der Tiere immens wichtig, dass sie ausreichend Bewegung haben. Vögel müssen fliegen! Zweitens ist es gar nicht gut, die Vögel an ihrem Rückzugsort zu bedrängen, wie das bei einer Zähmung im Käfig der Fall ist. Das kann unter Umständen genau das Gegenteil bewirken von dem, was wir vorhatten! Vertrauen wird zerstört statt aufgebaut!

Die Angst vieler Sittichhalter ist, dass die Tiere abends nicht mehr in den Käfig zurückgehen. Dies wird jedoch nicht passieren, wenn der Käfig ein angenehmer Ort für die Vögel ist. Dort gibt es Futter, tolle Schlafplätze (z. B. Schaukeln), dort hat man seine Ruhe und man weiß, dass am nächsten Morgen das Türchen ja wieder aufgeht. Sicherlich kann es passieren, dass die Vögel, vor allem in der Anfangszeit, auch mal eine Nacht außerhalb des Käfigs verbringen, aber das ist ja kein Beinbruch. Mit der Zeit wird es sich automatisch einspielen, dass sie abends zum Schlafen ihren Käfig aufsuchen, zumindest dann, wenn man sie nicht mit Reinscheuch-, Einfang- oder ähnlichen Aktionen durcheinandergebracht hat. Hilfreich ist manchmal, außen am Käfig eine Anflugstange anzubringen, so dass sie geschickt am Türchen landen können.

mimiauftuerFoto: Wird sie wohl reingehen?

Wichtig ist am Anfang, dass die Versuche, die Vögel zu zähmen, rein gar nichts damit zu tun haben dürfen, die Tiere in den Käfig zurückzubefördern! Also nicht: Ich gucke, dass ich den Vogel auf die Hand bekomme und trage ihn dann in den Käfig zurück. Später geht das natürlich problemlos, aber bei den ersten Zähmungsversuchen wäre es kontraproduktiv.

Wenn wir also die ersten Zähmungsversuche starten, ist folgendes wichtig:

  • Wir haben bereits eine gute Routine mit den Vögeln
  • Wir haben gerade Zeit, sind nicht in Stress oder Hektik
  • jede Aktion, die den Abstand Mensch-Vogel ungewohnt verringert, geht vom Tier aus
  • Alles darf, nichts muss.

Ein paar andere Dinge können auch noch hilfreich sein, nämlich dass wir in einer Aktionsphase der Tiere anfangen, nicht in einer Ruhephase und zeitlich gesehen eher vor der nächsten Fütterung als direkt nach dem Fressen.

Normalerweise ist es so, dass die Sittiche beim Freiflug ihre speziellen Plätze haben, die sie anfliegen. Diese sind oft relativ hoch gelegen, z. B. auf der Gardinenstange oder auf einem Schrank. Es kann von daher Sinn machen, die Vögel erst mal herunterzulocken, in den Dunstkreis der Menschen. Dies schaffen wir, indem das beliebte Leckerchen beispielsweise auf dem Sofatisch, dem Schreibtisch oder eine Sessellehne abgelegt wird. Wir selber entfernen uns anfangs. Wie weit wir weg müssen, ob wir zunächst sogar das Zimmer verlassen müssen, kommt auf unsere Vögel an und kann sicher jeder selber beurteilen, oder muss es ausprobieren. Nach ein paar Minuten, auch wenn die Vögel nicht gekommen sind, wird die Leckerei wieder weggepackt. Irgendwann wird es soweit sein, dass die Neugierde und der Appetit die Vögel anlockt. Wir brechen nicht in Begeisterungsstürme aus, sondern gehen unseren normalen Verrichtungen nach. Also laufen dann durchaus auch mal herum, mal näher, mal ferner. Es geht ja nicht darum, dass sich die Tiere außerhalb des Käfigs den Bauch vollhauen (gerade bei Kolbenhirse ist diese Gefahr gegeben), sondern dass sie spitzkriegen, dass es hier unten bei uns etwas Leckeres gibt. Je nachdem wie mutig die Tiere sind, halten wir uns mit der Zeit nach dem Auslegen der Leckerei immer näher dort auf. Irgendwann sitzen wir dann mal auf dem Sessel, auf dessen Lehne das Basilikum liegt, oder vor dem besagten Schreibtisch.

IMG_3662Foto: Mit gekeimtem Weizen lassen sich diese Wellis auf den Stuhl locken

Nun können wir auch unsere Hand ins Spiel bringen und diese mal in der Nähe der Leckerei ablegen. Wenn die Vögel auch das akzeptieren, können wir den Stiel der Kolbenhirse, des Möhrengrüns, den Rand des Schüsselchens mit dem Knaulgras, etc. anfassen. Je nachdem, wie die Wellis drauf sind, können wir dann schon versuchen, ein bisschen mit ihnen zu spielen, indem wir die Hirse ein bisschen von ihnen wegziehen und so versuchen, sie zum Hinterherlaufen anzuregen. Dann kommt auch der Moment, wo wir das Leckerchen einfach mal auf der Hand anbieten. Normalerweise dürfte es jetzt kein Problem sein, dass ein Sittich den Mut fasst und auf die Hand springt. Wahrscheinlich ein zweiter gleich hinterher!

IMG_4811Foto: Für Kolbenhirse trauen sie sich auf die Hand

Dies gilt es dann zu festigen. Gefestigt wird ein Verhalten durch Wiederholung. Das heißt, wir lassen es zu einer guten Gewohnheit werden, dass es das Leckerchen beim Freiflug immer mal wieder aus der Hand gibt. Wenn das problemlos klappt, sind die Wellensittiche “futterzahm”. Nun wollen wir aber, dass die Vögel auch ohne Futter zu uns kommen. Wie schaffen wir das? Wir müssen gucken, dass wir auch ohne Leckerchen für die Vögel attraktiv sind. Wie wir das schaffen, das ist wieder von Vogel zu Vogel unterschiedlich. Manche finden es spannend, wenn bei uns immer etwas los ist. Viele Wellis finden z. B. kleine Spielsachen spannend. So kann man sie z. B. mit dem Leckerchen auf den Schreibtisch locken, dort gibt es dann aber nur ganz kurz den Belohnungshappen, dann beginnen wir, auf dem Tisch mit einem kleinen Bällchen zu spielen. Vielleicht ist am Anfang die Kolbenhirse noch im Spiel, indem wir sie am Bällchen vorbeiziehen oder mit dem Hirsekolben das Bällchen in Bewegung versetzen. Dann sehen wir ja, ob ein Welli auf das Bällchen anspringt. Viele mögen auch ein Versteckspiel. Mit einem kleinen Seidentuch die Hirse abdecken (“wo ist das Leckerchen?”) und mit einem “Da!” wieder aufdecken. Das gleiche kann man dann auch mit der Hand oder dem Gesicht (des Halters!) machen. Beim nächsten Mal haben wir vielleicht aus dem Wald einen Fichtenzapfen dabei, den wir auf dem Tisch umherrollen, um die Neugierde der Sittiche zu wecken, oder ähnliches.

Wenn die Wellis auf solche Spielchen nicht abfahren, kann man probieren, sie mit dem Leckerchen den Arm rauf auf die Schulter zu locken. Viele Vögel mögen es, sich vom Menschen auf der Schulter umhertragen zu lassen. Wenn sie da mal auf den Geschmack gekommen sind, landen sie bald von selbst immer wieder auf der menschlichen Schulter. Ich hatte mal einen, der hat sich allerdings lieber auf meinen Kopf gesetzt und umhertragen lassen.

IMG_4881Foto: Manche Wellis sitzen gerne auf dem Kopf

Man kann auch einfach die leere Hand hinhalten (vor der sie dann ja keine Angst mehr haben), sie aufsteigen lassen und dann danach mit der anderen Hand als Belohnung das Leckerchen geben. Dies kann man ausbauen, indem man aus immer größeren Abständen die Wellis auf die Hand ruft. Mit der Zeit braucht man dann auch keine Belohnung mehr zu geben.

Eine andere gute Möglichkeit, sich weiterhin mit den Tieren zu beschäftigen, kann auch das Clickertraining sein.

Wenn es zwischendurch mal tote Punkte gibt, wo man den Eindruck hat, es geht nicht recht weiter, kann es was bringen, die Wellis einfach zu ignorieren und sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Also nichts erzwingen wollen, ganz locker an die Sache rangehen!

Wie lange dauert es, bis die Wellis zahm sind?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Mit jungen Wellis geht es normalerweise schneller als mit älteren Tieren, die bislang wenig Menschenkontakt hatten oder gar schlechte Erfahrungen gemacht haben. Auch kommt es darauf an, wie zutraulich die Tiere schon beim Einzug waren. Ein weiterer Faktor ist die Anzahl der Wellis. So gelingt es mit einem Kleinschwarm von vier Tieren meist wesentlich besser und schneller, das Vertrauen der Tiere zu erobern, als nur mit zweien. Dies dadurch, da zwei meist nicht so aktiv und neugierig sind und sich auch nicht so viel trauen. Bei vieren kann zudem eine gewisse Konkurrenzsituation, ein Futterneid, die Sache beschleunigen. Auch sind die Tiere einfach mutiger, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark!

IMG_4179Foto: Im Schwarm trauen sich die Wellis mehr

Es gibt aber auch immer wieder Wellis, die allen Bemühungen zum Trotz gar nicht zahm werden. Auch das müssen wir akzeptieren. Oft sind das aber wirklich nur ein paar wenige ganz seltene Exemplare. Die meisten werden beim entsprechenden Einsatz von Zeit und Geduld relativ schnell zutraulich. Dazu muss man sich auch gar nicht stundenlang am Stück mit ihnen beschäftigen. Ein paar Minuten sind genug, dafür lieber öfter!

Das ist aber dennoch ganz schön aufwändig und zeitintensiv!

Ja, das ist es! Man muss ständig am Ball bleiben! Es lohnt sich aber, da zahme Wellensittiche einfach Spaß machen und auch leichter zu handhaben sind, z. B. bei Tierarztbesuchen, Medikamentengaben, etc. Und wenn man bedenkt, wie alt Wellensittiche werden können, ist ein bisschen Aufwand in der ersten Zeit doch nicht zu viel verlangt. Denn später wird das ganze dann eh zum Selbstläufer und die quirligen Sittiche werden uns oft genug auf der Nase herumtanzen!

IMG_2199Foto: Manchmal werden die zahmen Wellis zu aufdringlich!

Und wem es zu viel Aufwand ist, der lässt es einfach, denn man kann auch an nicht zahmen Wellensittichen, einfach beim Beobachten, jede Menge Freude haben!

 

Mehr zum Thema “zahme Wellensittiche” könnt ihr hier nachlesen!

 

3 Gedanken zu „Wie bekomme ich meine Wellensittiche zahm?

  1. Beate Nuesgen

    Riesendankeschoen fuer die wunderbaren und hilfreichen Tips! Hab mir heute eine Strickjacke angezogen, ne Hirserispe zwischen die Finger geklemmt,in den Kaefig gehalten und beim Abwarten sanft mit ihnen geredet!
    Hat nicht lange gedauert ,dann kletterte zuerst Paulchen und dann Coco (Maedel) auf meinem Arm rum und knabberten an der Rispe! Dann fing Paulchen an sich zu putzen und auch Coco fing an! Dann begannen beidevzu schnaebeln! Nrunter!
    Auch Bubi hat’s probiert!h etwa 10 Minuten sind sie wieder r!

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  2. Schulze

    Hallo an Alle

    Ich habe leider einen Welli verloren und der andere hört jetzt nicht auf zu würgen.
    Ich möchte aber noch keinen neuen kaufen.
    Was kann ich tun?
    Danke für Eure Hilfe

    Antworten
    1. sittichschwarm Artikelautor

      Wenn der zweite Welli nicht aufhört zu würgen, geh bitte mit ihm zu einem vogelkundigen Tierarzt. Hier sollte abgeklärt werden, was dahinter steckt, bevor du wieder einen zweiten dazu nimmst!

      Antworten

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